Informationen zur Sayner Hütte

Die Sayner Hütte

Entstehungsgeschichte der Sayner Hütte

Seit dem 17. Jahrhundert betrieb in Sayn das Wasser des Saynbaches eine Vielzahl von Poch- und Hammerwerken. Hier wurde in den Jahren 1769 –1770 eine neue Eisenhütte („Sayner Hütte“) gegründet. Diese neue Hütte bestand aus einem Hochofen, drei Frischfeuern und einem Hammer.

Sie belieferte schon bald das Rheinland mit Roheisen, Stab- und Bandeisen sowie mit technischem Eisenguss. Durch die steigende Eisenproduktion wurde die Hütte 1778 bereits auf zwei Hochöfen sowie vier große und einen kleinen Hammer erweitert.

Unter der Leitung des preußischen Staates, der am 1. Juli 1815 die Sayner Hütte übernahm, wurde sie in den folgenden 50 Jahren zu einer der größten in ganz Preußen. Um die Produktion in Sayn zu steigern und große Formstücke zu gießen vergrößerte man im Jahre 1817 die bestehende Gießhalle auf das Doppelte ihrer bisherigen Grundfläche. Von 1820 an betrieb das zuständige OberBergamt den Plan, die Hütte durch einen großzügigen Neubau von Hochofen und Gießhalle leistungsfähiger zu machen. Gewünscht wurde ein Neubau am bisherigen Standort unter Abbruch der alten Hütte.

In den Jahren 1824 bis 1826 fertigte der Konstrukteur der Sayner Hütte, Carl Ludwig Althans, mehrere Pläne sowie Nachbesserungen an den Ausführungen an. Eine der wichtigsten Vorgaben für die Gießhalle war der Aspekt der Feuersicherheit. Aus Gründen der Sicherheit sollten der Dachstuhl sowie das gesamte Skelett der Gießhalle aus Eisenteilen hergestellt werden. Im Januar 1828 legte Althans die Ausführungsplanung zum Bau von Hochofen und Gießhütte dem Oberbergamt vor.

Konstruktion und Bau der Gießhalle von 1830

Mit der Bauerlaubnis im Juni 1828 begann die Bauausführung sehr zügig: Im September desselben Jahres stand der erste Binder, zu Beginn des Winters war die Hälfte der Halle montiert. Zu Beginn des Jahres 1829 wurde der neue Hochofen erstellt, im Oktober die letzten Säulen aufgestellt und mit dem Bau der massiven Giebelfront begonnen.

Die dreischiffige Gießhalle wurde mit überhöhtem Mittelschiff und durchlaufender, verglaster Obergadenzone zunächst in der Länge von sechs Jochen ausgeführt. Das Mittelschiff hatte eine Spannweite von 7,85m, die Seitenschiffe jeweils eine Breite von 7,20m. Hohe Hohlsäulen (6,52m) mit dorischen Kapitellen tragen filigrane gusseiserne Binder, die sich in Längs- und Querrichtung freitragend spannen.

Durch die gesamte Halle führt in Längsrichtung eine Transportstraße, die an den Bindern des Obergadens und der Mittelzone aufgehängt und zusätzlich durch Diagonalstreben versteift ist. Drei schwenkbare Auslegerkräne, auf Kugeln gelagert, konnten die Gussteile in das Seitenschiff transportieren. Die Kranbahnen wurden über die Fassade hinausgeführt und endeten in einer Brücke.

Im Oktober 1829, nachdem die letzten vier Säulen und die Bogenverbände im Westteil der Halle aufgerichtet worden waren, wurde ein Teil der Westfront zugunsten einer Glasfront geändert. Am Ende des Jahres 1830 war die gesamte Gießhalle mit ihrer großen Glasfront vollendet.

Für die feuersichere Gießhalle mit großer Flächenausdehnung gab es in Mitteleuropa um
1820 keine Vorbilder.

Der dreischiffige Aufbau der Halle und die Eisenkonstruktion lassen sich mit der raschen Vorfertigung und dem Brandschutz erklären. Für die Fensterteilung und die Ausbildung der Binder nach Art der frühen Neugotik waren ausschließlich ästhetische Gründe maßgebend. Das Ergebnis der großzügigen und gleichzeitig feingliedrigen Planung für die Sayner Gießhalle war keine Rasterarchitektur sondern eine Eisen-Glas-Konstruktion in höchster künstlerischer Vollendung.

Als Anregung für die neue Sayner Gießhalle mögen große gotische Kirchenbauten gedient haben. Diese wiesen mit ihrem hochgezogenen Hauptschiff und den für den Rauchabzug geeigneten Oberlichtern ein sehr brauchbares Funktionsschema auf.

Die Bedeutung der Sayner Hütte als Ingenieurbauwerk

Es bleibt ein Phänomen, dass es dem Techniker Althans mit der neuen Gießhalle gelang, ein Bauwerk zu entwickeln, das in Volumen und Spannweite der Binder sowie der filigranen neugotischen Gestalt alle Vergleiche übertraf und noch heute einzigartig ist. Die Gießhalle wurde zur Inkunabel des modernen, aus genormten Teilen vorgefertigten Industriebaus. Viele berühmte Eisenbauten und ihre weitgespannten Dachstühle, wie z.B. die 1830 entstandene, ganz in Glas und Eisen aufgelöste Galerie d´Orleans in Paris, der gusseiserne Dachstuhl über der 1842 erbauten Schwimmhalle des Wiener Dianabades und der 1851 errichtete filigrane Kristallpalast in London folgten erst zu späterer Zeit.

Untypisch für die Bauideale des 19. Jahrhunderts fehlen der Gießhalle von Sayn jegliche Art von applizierten eisernen Schmuckelementen. Althans begründete selbst in einem Brief im Jahre 1833 die Wahl des Eisens durch den Zwang zu sparsamen Baukosten, entschuldigte sich darin für die gewählten „einfachsten Formen“ ohne Ornamente, die er mit Rücksicht auf die Funktion, in Anpassung an die Nachbarbebauung und im Hinblick auf technologische Zwänge beim Gießen gewählt hatte. Die neue Hütte, die mit der damals neuesten Gießtechnik ausgestattet worden war, brachte eine starke Steigerung der Produktion. Bis 1845 wurde die Gießhalle um drei Joch verlängert, die Glasfront nach vorne gesetzt und der neu gewonnene Hallenraum unterkellert.

Der Sayner Kunstguss

Im Jahre 1818 wurde auf der Sayner Hütte eine „Tiegelgießerei“ installiert, um Eisenfeinguss herstellen zu können. In den ersten Jahren der Feingussherstellung wurden in Sayn kleine Tischaufsätze aller Art wie Leuchter, Schreibzeug, Teller und Uhrhalter, aber auch größere Werkteile wie Möbel, Grabkreuze und Gitter hergestellt. Zudem produzierte die Sayner Hütte von 1819 – 1865 als „Krone der künstlerischen Schöpfung“ Neujahrsplaketten, auf denen Bau- und Kunstdenkmäler im Rheinland und in Westfalen dargestellt waren. Die Jahre 1822 bis 1835 wurden zur Blütezeit des Sayner Kunstgusses, dessen Nachfrage von Jahr zu Jahr stieg. Zum bekanntesten Werk zählte eine Verkleinerung der „Igeler Säule“ bei Trier, eines römischen, 23 Meter hohen Grabmals für die Tuchhändler-Brüder Lucius Secundinius Aventinus und Lucius Secundinius Securus. Einen frühen Abguss in Bronze erhielt 1829 Johann Wolfgang von Goethe, der das Monument in Igel nach einer Besichtigung am 22.Oktober 1792 rühmte.

Im Jahre 1842 wurde die Palette der Gusswaren um Bauzier, Wendeltreppen und Öfen erweitert. Sayner Erzeugnisse zogen nun in zahlreiche Sakral- und Profanbauten am Rhein ein. Nach dem Übergang der Sayner Hütte an die Firma Krupp wurde dort 1878 der Hochofen stillgelegt. Mit Roheisen aus der Mülhofener Hütte wurde nun auf der Sayner Hütte überwiegend Maschinenguss hergestellt.