Informationen zur Fleischbrücke

Entstehungsgeschichte

Die Fleischbrücke Nürnberg
Erbaut: 1596 – 1598
Ort: Nürnberg, überspannt die Pegnitz zwischen St. Sebald und St. Lorenz
Datum der Titelverleihung: 10. Juni 2011

Die Nürnberger Fleischbrücke entstand zu einer Zeit, in der die europäische Bautechnik noch als „unwissenschaftlich“ galt. Und dennoch hat sich das bedeutende Wahrzeichen der Stadt Nürnberg einen Namen als Lehrstück des robusten und nachhaltigen Konstruierens gemacht. Die bedeutendste Steinbogenbrücke der Spätrenaissance ist bis heute weitestgehend im Original erhalten geblieben und steht seit 1974 unter Denkmalschutz. Sogar den Bombardements des 2. Weltkrieges hielt diese kühne Ingenieurbaukunst stand – während um sie herum die Stadt in Schutt und Asche sank.

Planung, konstruktive Durchbildung und Realisierung waren nur dank einer hoch entwickelten reichsstädtischen Baukultur, Infrastruktur und Logistik in Nürnberg am Ausgang des 16. Jahrhunderts möglich. An der Schwelle zur Neuzeit schufen ihre Baumeister ein Kleinod, das für die wirtschaftliche Entwicklung der fränkischen Metropole eine herausragende Bedeutung hatte.

Die Konstruktionsart der Fleischbrücke ähnelt der Venezianischen Rialtobrücke. Sie gilt allerdings nicht als Muster für die Nürnberger Steinbrücke, da der Ponte di Rialto über den Canale Grande unter anderem einen wesentlich steileren Bogen und eine andere Gestaltung hat.

Als wichtigster und bekanntester Übergang über die Pegnitz war die Brücke im Mittelalter und der frühen Neuzeit von städtischer sowie überregionaler Bedeutung. In Nürnberg kreuzten sich sieben europäische Fernhandelsstraßen, deren Knotenpunkt die Fleischbrücke bildete.

Ihren Namen erhielt das Bauwerk von den an ihr liegenden Fleischbänken. Der „Ochs auf der Fleischbrück’n, der nie ein Kalb gewesen“ ist ein volkstümliches Wahrzeichen Alt-Nürnbergs. Von 2004 bis 2005 wurde das Sandsteinmauerwerk umfangreich saniert.

Konstruktion der Brücke
Die Fleischbrücke in Nürnberg ist eine einfeldrige Natursteinbogenbrücke. Der flache Bogen, den sie schlägt, besitzt eine Spannweite von 27 m. Die Pfeilhöhe beträgt 4,20 m, die Stärke im Scheitel 1,35 m. Auf 2.123 Holzpfählen ist die Brücke gegründet, davon wurden 400 Stück zur Aufnahme des Bogens schräg gesetzt – eine innovative Konstruktion, die sämtliche vergleichbare Bauten im deutschsprachigen Raum weit übertraf. Um die großen Horizontalkräfte aufzunehmen, benötigte der flache Brückenbogen massive gemauerte Widerlager. Bogen und Widerlager wurden aus keilförmig behauenen Keuper-Sandsteinen gebaut und mit Luftkalkmörtel hohen Bindemittelgehaltes vermauert. Der schräg geschnittene Brückenkörper weitet sich zu den Widerlagern hin auf.

Der eigentliche Brückenbogen wurde im Sommer 1598 in der Rekordzeit von nur neun Wochen errichtet.

Die Gestaltung der Brücke ist einfach und klar. Neben dem Ochsenportal trägt sie die lateinische Inschrift „Omnia habent ortus suaque in crementa sed ecce quem cernis nunquam bos fuit hic Vitulus“ („Alle Dinge haben einen Anfang und ein Wachstum, aber siehe: Niemals ist der Ochse, den du hier siehst, ein Kalb gewesen“). Außerdem verzieren die steinernen Wappen der sieben damaligen Mitglieder der Stadtregierung die an den Rändern der Brückenmitte vorhandenen zwei Kanzeln.

Geschichte der Fleischbrücke
Die älteste Brücke Nürnbergs an dieser Stelle der Pegnitz wird um 1200 datiert, die erste urkundliche Erwähnung der Fleischbrücke stammt von 1335. Den Namen erhielt die Brücke durch ein benachbartes Fleischhaus. 1418 fiel die Holzkonstruktion dem Feuer zum Opfer. Die nachfolgende – ebenfalls aus Holz gebaute – Brücke wurde 14 Jahre später durch die Pegnitz mitgerissen und zerstört. Eine Steinbrücke mit einem Mittelpfeiler und zwei Bögen ersetzte im Jahr 1487 die Holzkonstruktion.

Ein Hochwasser Ende des 16. Jahrhunderts beschädigte das zu diesem Zeitpunkt bereits schadhafte Bauwerk so stark, dass die Stadt beschloss, es abzutragen und durch einen Neubau zu ersetzen. Die Baumeister sahen sich vor eine Vielzahl großer Herausforderungen gestellt. Durch die Lage an der engsten Stelle des Pegnitzdurchflusses war die Fleischbrücke den stärksten Fließkräften ausgesetzt. Eine neue Konstruktion sollte ohne den durch das Hochwasser besonders gefährdeten Mittelpfeiler realisiert werden, um das Durchflussprofil nicht zu verkleinern. Da die Brücke den Hauptverkehr der Innenstadt bewältigen musste und um eine bestmögliche Einbindung in das umgebende städtische Höhenprofil zu erreichen, wurde ein möglichst flacher Brückenbogen angestrebt.  Für die Ableitung des resultierenden großen Bogenschubs stand jedoch kein fester Baugrund, sondern nur grundloser Sumpf zur Verfügung.

Planungsvorgaben und Lösungen
Durch die Enge des Flussbettes, der Uferbebauung  an den Zufahrten und des Fahrverkehrs sollte die Brückenkonstruktion einbogig sein und durfte keine starke Steigung oder lange Auffahrtrampen aufweisen. Da der Fluss für die Bauarbeiten nicht umgeleitet oder abgesenkt werden konnte, musste der Brückenbogen den Fluss möglichst flach überspannen. Die im sumpfigen Baugrund zu erstellenden Widerlager hatten somit einen großen Horizontalschub aufzunehmen. Die unterschiedliche Höhe beider Ufer verlangte den Planern eine besondere Leistung ab, da sie von den anderen Brücken betrachtet eine möglichst harmonisch-symmetrische Gestalt aufweisen sollte.
Der 1595 für die Fleischbrücke durchgeführte Entwurfswettbewerb nahm zwar Anregungen aus Plänen und Entwürfen der Rialtobrücke in Venedig auf, brachte aber keine tragbaren Lösungen für die speziellen Probleme.

Das Planungskonzept der Nürnberger Brücke sah Schrägpfähle vor, um den Horizontalschub aufzufangen. Eigens für die Pfähle wurden geeignete Rammbärmaschinen entwickelt. Die Bogenform und das Lehrgerüst wurden in mehreren Entwürfen und Modellen durchgespielt. Dabei variierten die Pfeilhöhen von etwa 4,90 m (und einer Sehne von rund 24,30 m) bis zu einer Pfeilhöhe von ungefähr 3,60 m. Da das Risiko aus planerischer Sicht hierfür zu groß erschien, legte man sich auf eine Pfeilhöhe von ca. 4,25 m bei einer Stützweite von knapp 27 m fest. Das für diesen Bogen entwickelte Lehrgerüst wurde auf einem auf fünf Pfahlreihen im Flussbett stehenden Notsteg errichtet. Durch Nachkeilen gelang es, die geplante Bogenführung annähernd einzuhalten. Nach dem Bogenschluss war das Brückenkonstrukt absenkbar, indem die Keile herausgeschlagen wurden. Der enorme Horizontalschub des Bogens (Kreissegment von einem Fünftelkreis, geschätztes Gewicht des Bogens 2325 Tonnen) und der unsichere Untergrund machten gewaltige Widerlager notwendig. Ursprünglich war hierfür in den Wettbewerbsentwürfen das übliche waagerechte Mauerwerk vorgesehen. Letztendlich entschied man sich aber für eine schräge Anordnung der gesamten Steinschichten der Widerlager (parallel zum letzten Radius des Brückenbogens am Kämpfer).

Baubeginn war der 1. März 1596, vollendet wurde das Bauwerk Ende 1598, die Kosten beliefen sich auf 82.172 Gulden. Im Februar 1599 wurde noch ein seitliches Portal, auf dem ein steinerner Ochse liegt, errichtet.

 

Die Baumeister
Als verantwortliche Planer der Fleischbrücke gelten drei Baumeister: Der Steinmetz und Stadtwerkmeister Jacob Wolff d.Ä. (um 1546 – 1612) war für Entwurf, Planung und Ausführung der Steinarbeiten (Bogen und Widerlager) verantwortlich. Dem Zimmermann und Stadtwerkmeister Peter Carl (1541-1617) verdankt die Stadt die Konstruktion und die Umsetzung der Pfahlgründung und des Lehrgerüsts. Die Gesamtleitung des Brückenbaus lag bei Wolf Jacob Stromer von Reichenbach (1561-1614).
Stromer stammte aus einer der wichtigsten Patrizierfamilien Nürnbergs und war von 1589 bis zu seinem Tod 1614 Ratsbaumeister der Stadt. In den 25 Jahren seiner Amtszeit entstanden viele bedeutende Renaissancebauten in Nürnberg, die heute noch das Stadtbild prägen. Sehr jung (mit 14 Jahren) immatrikulierte Wolf Jakob Stromer 1575 als einer der ersten Studenten an der Reichsstädtischen Akademie in Altdorf. Seine akademische Ausbildung beendete er vier Jahre später in Bologna. Auf zahlreichen Reisen nach Italien lernte er viel über die klassische und die moderne Baukunst.

Mit dem Steinmetzmeister Jakob Wolff dem Älteren und dem Zimmermeister Peter Carl arbeitete er an zahlreichen Bauvorhaben eng zusammen.

 

Das Wahrzeichen