Informationen zum Leuchtturm „Roter Sand“

Foto: L. Siemer
Entstehungsgeschichte

Im August 1878 erhielt der Leiter der Bremerhavener Hafenbaudirektion, Baurat Karl Friedrich Hanckes, den Auftrag zu einem Entwurf für einen ortsfesten Leuchtturm in der offenen See, rund 50 Kilometer vor Bremerhaven. Das bis dahin gebräuchliche  Pfahlgründungsverfahren konnte bei den herrschenden komplizierten Strömungsverhältnissen und einem ständig sich in Bewegung befindenden Untergrund allerdings nicht mehr angewendet werden. Aus diesem Grund wurde eine neue Technik zum Einsatz gebracht: Die Caisson- Technik auf Basis einer Druckluftgründung sah einen ellipsenförmigen, schwimmfähigen, stählernen Senkkasten vor. Der aus einer Taucherglocke und einem teilweise schon mit Beton gefüllten Behälter sollte an seinem Bestimmungsort mit Hilfe des Druckluftverfahrens in den Meeresboden eingespült werden. Neben der Absenkung des Gründungssockels sollte der Caisson gleichzeitig von innen mit Beton und Mauerwerk verfüllt und somit stabilisiert werden.

Der erste Versuch, Mai 1881 bis Oktober 1881

Am 22. Mai 1881 verließ der schwimmende Gründungskörper seinen Bauort im Bremerhavener Kaiserhafen und erreichte drei Tage später seine vorgesehene Position in der Außenweser. Noch am selben Abend ließ man den Caisson auf den Meeresboden absinken. Am Folgetag wies der Behälter bei stürmischem Wetter eine Schlagseite von 21° auf. Es gelang dem Caisson, dank Sturmflut und Strömung, sich selbst aus der Schräglage zu befreien und durch sein Gewicht 5 m in den Meeresboden einzusinken. Obwohl die Arbeiten in den folgenden Wochen gut voran kamen, lief den Wasserbauern die Zeit davon: Bis zu den im Oktober einsetzenden Stürmen musste der stählerne Gründungskörper ausreichend im Meeresgrund verankert sowie mit Mauerwerk und Beton stabilisiert werden. Gleichzeitig sollten die Außenwände erhöht werden. Aus zeitlichen Gründen gelang das nicht. Die Folge: Am 14. Oktober wurde die Zerstörung des gesamten Turmfundamentes gemeldet. Der Stahlmantel des  Gründungskörpers war 2,50 m über dem Meeresboden abgeknickt, der Versuch war gescheitert.

Der zweite Versuch, Mai 1883 bis November 1885

Ein zweiter Versuch für den Bau des Leuchtturmes „Roter Sand“ wurde am 28. Mai 1883 initiiert. Die Caissonwände wurden vor Ort erhöht,  der Stahlzylinder von innen mit Mauerwerk und Beton und von außen mit Faschinen und Steinschüttungen gefestigt und stabilisiert. Das sicherte den Behälter dieses Mal gegen Sturmfluten, die dort  herrschenden starken Strömungen und seitliches Wegkippen.

Mitte Oktober 1883 war der Caisson 15,6 m unter Niedrigwasser eingespült worden. Bis zum 1. Dezember 1883 wurde der  Gründungskörper weiter erhöht und mit Mauerwerk und Beton verfüllt. Im Februar 1884 setzte man diese Arbeiten fort, während die Druckluftgründung Mitte März wieder  aufgenommen wurde. Die vorgeschriebene Tiefe von 22 m unter Niedrigwasser war gegen Ende Mai erreicht; gleichzeitig wurden die Gründungsarbeiten damit beendet. Aus dem Trichter der Arbeitskammer vom Grund des Meeresbodens mussten ungefähr 1.600m³ feinkörniger Sand nach oben transportiert werden, ca. 2.300m³ Beton und Mauerwerk wurden für die vollständige Verfüllung des Caissons benötigt.

Der Turm wurde auf den Caisson gesetzt und mit ihm verankert. Die Rohbauarbeiten am Turmschaft mit den vier Stockwerken dauerten bis zum 3. November 1884. Im Frühjahr des Folgejahres vollendete man  die drei Erker mit dem Laternenraum, der eine Dachkuppel aus Kupfer erhielt. Die Leuchtfeuer wurden am 1. November 1885 um 00.00 Uhr entzündet und der Leuchtturm „Roter Sand“ nahm seinen Betrieb auf.

Die Ingenieure

Der Entwurf für einen ortsfesten Leuchtturm am Rande der Außenweser stammt vom Leiter der Hafenbaudirektion in Bremerhaven, Baurat Karl Friedrich Hanckes, der bereits 1864/65 das Trockendock von H. F. Ulrichs an der Geeste erdachte. Das alte Lloyddock von 1870/71 an der  Westseite des Neuen Hafens wurde ebenfalls nach seinen Plänen fertig gestellt. Außerdem wirkte er an der mehrmaligen Erweiterung und Verbreiterung des Neuen Hafens mit. Von 1872–76 entstand nach seinen Entwürfen und unter seiner Oberaufsicht der Kaiserhafen I mit der kleinen  Kaiserschleuse.

Die örtliche Bauleitung bei dem zweiten Gründungsversuch des Leuchtturmes „Roter Sand“ wurde  dem jungen Wasserbauingenieur Walter Körte übertragen, der am 1. März 1883 seinen Dienst aufnahm. Aufgrund der hier gemachten Erfahrungen beschäftigte sich Körte weiter mit dem Seezeichenwesen und setzte auf diesem Gebiet des Wasserbaus völlig neue Maßstäbe. Als der in der preußischen Bauverwaltung tätige „Geheime Oberbaurat“ Walter Körte 1914 starb, galt er als international renommierter Experte, der die Entwicklung des deutschen Seezeichenwesens, angefangen mit dem Bau des Leuchtturmes „Roter Sand“, entscheidend mitbestimmt hatte.

An der Konstruktion des Leuchtturmes „Roter Sand“ waren von der Duisburger Firma Harkort neben dem Direktor Otto Offergeld auch der Oberingenieur Seifert und die Ingenieure Backhaus, Bremke und Kunz beteiligt.

Der Leuchtturm

Der Leuchtturm „Roter Sand“ ist ein viergeschossiges, stahlummanteltes Bauwerk mit drei  auskragenden Runderkernen und einer Laterne. Die Höhe der gesamten Turmkonstruktion mit Caisson, Turmsockel und Oberteil beträgt 52,50 m, wobei der höchste Punkt 30,7 m über Niedrigwasser herausragt. Die Gründung besteht in einem ovalen, 14 m langen und 11 m breiten Caisson mit 10 mm dicken Eisenwänden, die bei Baubeginn eine Höhe von 18,5 m besaßen und im Zuge der Bauarbeiten ständig erhöht wurden. Der 8 m hohe, kreisrunde Turmsockel hat einen  Durchmesser von 10,3 m und verjüngt sich bis auf 7 m. Über diesem Fundament erhebt sich der eigentliche, konkav geschwungene Turm auf rundem Grundriss, der im unteren Bereich einen Durchmesser von 10,30 m besitzt und sich an der Spitze bis auf einen Durchmesser von 5,10 m verjüngt. Auf dem Turmsockel stehen die jeweils 4,3 m hohen vier Geschosse mit dem abschließenden Laternenraum und den drei Erkern. Der Turm erhielt einen dreifarbigen Anstrich, bestehend aus einem schwarzen Sockel unter rot-weiß-gestreiftem Schaft, wobei die Erkerebene rot gefasst ist. Auf der das Laternengehäuse umgebenden Galerie befanden sich die Flaggenstangen für die Signalgebung, der Blitzableiter und ein Boot.

Der Einstieg in den Turm liegt auf Kellerniveau und wird von unten über eine Metallsprossenleiter erreicht. Die höheren Geschosse erschließt eine entlang der Wand geführte schmale Eisentreppe. Über eine eiserne Wendeltreppe im nordöstlichen Erker gelangt man ins Galeriegeschoss mit der Laterne. Hier wurde das Hauptfeuer installiert, mit Gürteloptik und Petroleumglühlicht sowie Blendenapparat. Die Galerie ermöglichte – mit Ausnahme des ‚Treppenerkers’ die äußere Umrundung des Turmkopfes und das Erreichen des Laternendachs von außen.

Das Wahrzeichen

Die letzte Besatzung verließ den Leuchtturm in den 60er Jahren. Seine Funktion übernahm der Leuchtturm „Alte Weser“. Der „Rote Sand“ diente der Schifffahrt bis zum 11. November 1986 nur noch als Tagessichtzeichen und bildete nachts mit seinem durch Propangas versorgten  Nebenfeuer das Gegenfeuer zum Leuchtturm „Hoheweg“ und zwei Quermarkenfeuer in dem Fahrwasser „Alte Weser“.

Nach einer aufwendigen Renovierung bestimmt heute der Zustand der Stilllegung das Erscheinungsbild des Turmes. Besucher haben jetzt die Möglichkeit, als Tagestouristen einen Einblick in die Geschichte und das Leben auf dem Turm zu bekommen. Übernachtungen auf dem Turm sind auf eine oder zwei Nächte beschränkt und regelmäßig ausgebucht. Die Fahrten werden für Touristen nur in den Sommermonaten angeboten, da in den übrigen Zeiten in der Regel zu hoher Wellengang herrscht und ein Anlegen am Turm lediglich bis zu einer Windgeschwindigkeit von maximal 4 Windstärken gefahrlos durchgeführt werden kann. Die große Nachfrage nach den Touren zum Leuchtturm belegt die Faszination dieses einmaligen Bauwerkes in nachdrücklicher Weise und bestätigt die Bemühungen, den Turm im bestehenden Zustand und an seinem Ort für die Nachwelt zu bewahren.